„scheissen und brunzen“ – Kollektives Schaffen der Wiener Avantgarde. Originalbeitrag undercurrents – Forum für linke Literaturwissenschaft (Jan 2016).

„scheissen und brunzen“ – Kollektives Schaffen der Wiener Avantgarde. Originalbeitrag undercurrents – Forum für linke Literaturwissenschaft (Jänner 2016).

“shitting and pissing” – collective production of the Viennese avant-garde

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Introduction:

Während in anderen Europäischen Ländern ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert von sich formierenden literarischen Avantgarden und damit über die in ihrem Rahmen vielfach unternommenen Projekte kollektiver Kunstproduktion gesprochen werden kann, entwickelt sich avantgardistische Literatur in Österreich erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Dafür wird die in den beginnenden 1950er Jahren entstandene wiener gruppe (Friedrich Achleitner, H. C. Artmann, Konrad Bayer, Gerhard Rühm, Oswald Wiener) oftmals als Paradebeispiel einer Nachkriegs-Avantgarde zitiert und ist in Bezug auf die Frage nach kollektiver Autor_innenschaft von ebenso großer Bedeutung. Die Zusammenarbeit als Grundprinzip künstlerischer Produktion spielte auch in den Schwieger- und Nachfolgeformationen der wiener gruppe eine Rolle, ebenso im sich in engem Austausch mit der wiener gruppe formierenden Wiener Aktionismus (Günter Brus, Otto Muehl, Hermann Nitsch, Rudolf Schwarzkogler).
Wie Alfred Liedes Werk Dichtung als Spiel (1963) vor allem unter Bezugnahme auf den Dadaismus eindrücklich gezeigt hat, lässt sich die von Johan Huizinga unternommene und bis heute wichtige Impulse gebende Definition des Begriffs »Spiel« auf experimentelle Literatur anwenden, um nicht nur ihre Herstellung, sondern auch ihre Produkte und Wirkung besser zu verstehen. Sie soll deshalb diesem Beitrag als Ausgangspunkt einer Analyse der kollektiven Literatur- und Kunstproduktion im Österreich der 1950er und 1960er Jahre dienen. Im Untertitel von Liedes umfangreicher Studie wird die behandelte Dichtung als Unsinnspoesie bezeichnet; wenngleich in diesem Fall die Begriffe »Spiel« und »Unsinn« nicht abwertend zu lesen sind, ist avantgardistische Kunst von ihren Gegner_innen im Gegensatz dazu schon oft mit ebensolcher Begrifflichkeit abgetan und verworfen worden. In diesem Kontext wurde das Spiel von dem Huizingaschen Begriff, der ermöglicht, Strukturen menschlichen Handelns zu fassen, zur unernsten, kindlichen »Spielerei« reduziert. Demgegenüber ist hier mit Huizinga, der vom Ursprung der Kultur in Spiel spricht, der Ursprung avantgardistischer Praxis im kollektiven Schaffen Thema. …continue reading

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